Die Besucher*innen ahmen eine Handbewegung der Forschenden nach, um die Filme zu entdecken. Was verändert dieser körperliche, spielerische Zugang?
Ich fand deine Idee für die Station unglaublich gut, gerade weil sie so einfach ist. Eine Geste schafft eine Verbindung. Wer sie nachmacht, beteiligt sich mit dem eigenen Körper und erkundet gleichzeitig eine Bewegung aus der Arbeit der Forschenden. Man wird neugierig und ist nicht mehr nur beim passiven Betrachten.
Mir gefällt dieses Kleine, Überschaubare daran. Es ist spielerisch, und das entspricht auch meinem eigenen Zugang. Die Bewegung lässt sich schnell verstehen, unabhängig davon, wie alt jemand ist oder woher jemand kommt.
Zugleich vermittelt sie bereits etwas über Wissenschaft: Forschung bedeutet nicht nur, am Schreibtisch zu sitzen und zu schreiben. Da passiert mehr. Die Geste führt in dieses Mehr hinein. Sie schlägt eine Brücke, die in einem klassischen Wissenschaftsfilm oft fehlt.
Das hört der Konzeptautor natürlich gern. Aber zurück zu den Besucher*innen: Was sollen sie nach der Begegnung mit einem Film mitnehmen?
Ich möchte, dass sie etwas erlebt haben. Natürlich können sie auch eine Zahl oder einen Zusammenhang verstanden haben. Aber ebenso wichtig ist mir, dass die Stimmung und die Begeisterung der Forschenden bei ihrer Arbeit spürbar werden – und dass sichtbar wird, an welchen unterschiedlichen Orten Forschung stattfindet.
Für einen Film waren wir zum Beispiel an einer Algenfarm in Kiel und haben auch unter Wasser gedreht. Ony Yan hatte ein System gestaltet und als Prototyp entwickelt, an dem Algen wachsen sollten. Es war monatelang im Wasser gewesen. Wie viele Algen tatsächlich daran gewachsen waren, wusste sie vorher nicht. Wir waren genau in dem Moment dabei, als es aus dem Wasser gezogen wurde.
Wir haben die Algen in den Händen gehalten, gelacht und die Freude über das Ergebnis miterlebt. Solche Momente möchte ich vermitteln. Ebenso die gemeinsame Arbeit, wie bei unserer Fahrradexkursion mit Christian und der studentischen Gruppe.
Wissenschaft ist in gewisser Weise eine Reise: Du beginnst mit einer Forschungsfrage, kennst aber das Ergebnis noch nicht. Es gibt Zwischenziele und immer wieder etwas zu entdecken.
Auch auf dem Gletscher wurde das deutlich. Als wir ankamen, hatten Tobias’ Promovierende die Geräte bereits aufgebaut. Man muss sich einmal vorstellen, wie man so etwas auf einem Gletscher überhaupt plant und hinbekommt! Tobias war begeistert davon, wie präzise und geschickt sie gearbeitet hatten. Man spürte, dass er eine Gruppe um sich hatte, der er vertrauen konnte.
Diesen Hintergrund wollte ich miterzählen: was alles nötig ist, damit Forschung gelingt, wie Menschen zusammenarbeiten und wie sie sich über Ergebnisse freuen.
Wie ordnest du diese Wissenschaftsfilme in deine übrige Arbeit ein?
Für mich war das eine wunderschöne Aufgabe. Ich habe an der Humboldt-Universität Gender Studies und Lateinamerikanistik studiert und meinen Magister gemacht. Den Wissenschaftsbetrieb kenne ich also aus vielen Jahren. Das mit meiner heutigen Arbeit zu verbinden, war eine sehr schöne Herausforderung. So etwas könnte ich jeden Tag machen.
Es fühlte sich für mich nicht wie ein Randprojekt an, sondern sehr passend. Ich bringe eine spielerische und sinnliche Handschrift aus anderen Arbeitsbereichen mit. Diese in Wissenschaftsfilme zu übersetzen, war eine gute Kombination.
Die Zusammenarbeit mit dir, Tom, begann ja schon früher: Nachdem ich vier Jahre lang Kochsendungen für die Deutsche Welle gemacht und auch visuell konzipiert hatte, bist du von der Berlin University Alliance auf mich zugekommen. Du hast mich gefragt, ob wir gemeinsam eine Wissenschaftskochshow entwickeln wollen, die Wissensaustausch ermöglicht.
Spätestens seitdem habe ich mich intensiv mit Wissenschaftskommunikation beschäftigt. Wie lässt sich eine Brücke zu wissenschaftlichen Ergebnissen schlagen, die zunächst trocken oder schwer zugänglich wirken können? Bei der Kochshow war unsere Idee, gleichzeitig zu kochen und über ein wissenschaftliches Thema zu sprechen. Die Herausforderung entsteht aus dieser Verbindung. Man muss nichts künstlich lustig machen.
Ähnliche Fragen beschäftigen mich bei Buchtrailern, die ich regelmäßig für den Suhrkamp Verlag mache, auch gerade wieder. Wie erzählt man ein Buch in einem kurzen Film? Welche Textstellen wählt man aus? Dafür arbeite ich mit den Autor*innen zusammen. Mich interessiert, wie Inhalte in visuell erlebbare Geschichten übersetzt werden können.
Ich arbeite bewusst in verschiedenen Bereichen: für die Deutsche Grammophon, jahrelang für Rosenthal und zwischen Musik, Literatur, Design, Kunst, Kulinarik, Tanz und Wissenschaftskommunikation. Dazu kommen Weiterbildungen in systemischem Coaching, Design Thinking, Systemic Design und Leadership sowie in somatischer Praxis, genauer: Fluentbody. Diese Erfahrungen fließen in meine Arbeit ein.
Ich möchte mit meinen Filmen mehr tun, als eine Vorgabe zu erfüllen. David Lynch beschreibt in „Catching the Big Fish“, dass die großen Ideen im tiefen Wasser liegen. Dieses Bild gefällt mir: erst eintauchen, auch ins Ungewisse, und dann mit Ideen wieder auftauchen. Spielerisch und offen.
Hat dich die Arbeit auch inhaltlich zu neuen Projekten angeregt?
Ja, vor allem das Thema Wasser lässt mich nicht mehr los. Bei der „Confluence of European Water Bodies“ in Berlin habe ich viele Menschen aus der Forschung und anderen Bereichen wiedergetroffen, etwa Léon Gross vom Symbiotic Lab. Außerdem arbeite ich gerade an einem Dokumentarfilm in Brasilien über Wasser. Es ist ein unglaublich wichtiges Thema.
Mich beschäftigt besonders die Frage, welchen Beitrag Wissenschaft nicht nur zu gesellschaftlichen Debatten, sondern auch zur Umsetzung nachhaltiger, zukunftsfähiger Konzepte leisten kann. Wir brauchen diese Wissenschaftler*innen. Sie sind auch Visionär*innen, weil sie sich intensiv mit Dingen befassen, die viele Menschen noch gar nicht kennen.
Wir haben während der Dreharbeiten viel über die Klimakrise gesprochen – auch darüber, dass der Hintereisferner bis zum Ende dieses Jahrhunderts verschwunden sein könnte. Wie wird aus dieser Auseinandersetzung für dich eigenes Handeln?
Ich habe aus eigener Initiative die YouTube-Serie „People for Change“ gestartet. Dazu hat auch die Lektüre von Donna Haraway beigetragen. Mich hat die Frage beschäftigt: Wo liegen die Hebel für Veränderung? Warum passiert so wenig? Was hindert uns?
Dabei fiel mir auf, wie stark wir von negativen Botschaften umgeben sind. Wenn wir über Klima sprechen, geht es meistens um die Krise. Wie könnte man anders davon erzählen? Es gibt so viele Menschen, die bereits großartige Dinge tun und von denen wir lernen können, auch in der Wissenschaft.
Diese Menschen besuche ich und spreche mit ihnen. Ich habe zum Beispiel Jennifer Schulz interviewt, die mit ihrem Team das Projekt „Urbane Waldgärten“ und den Waldgarten in Berlin-Britz initiiert und entwickelt hat. An diesem Pionierprojekt mitten in der Stadt wird deutlich, wie Pflanzen, Tiere, Boden und Wasser zusammenwirken. Nichts wächst für sich allein. Das finde ich eine spannende Leistung.
Mich interessieren Menschen, die ihr Wissen mit Engagement verbinden und Projekte tatsächlich verwirklichen. An solchen Beispielen kann man sehen, dass Umsetzung möglich ist – und von ihnen lernen. Viele würden sich gern engagieren, wissen aber nicht, wie. „People for Change“ stellt dafür konkrete Möglichkeiten vor, etwa beim BaumEntscheid Berlin, der Unterstützung sucht.
Was bedeutet das für unseren Umgang mit Wasser hier in Berlin?
Wenn man sich mit der Ausstellung und der Forschung beschäftigt, versteht man, dass sauberes Trinkwasser aus der Leitung keine Selbstverständlichkeit ist. In vielen Ländern gibt es das nicht.
Wir standen mit Christian im Humboldthain und blickten über die Stadt. Seine erste Frage war: „Was seht ihr?“ Grün! Das hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig Grünflächen und ein funktionierender Wasserkreislauf für die Stadt sind. Berlins Trinkwasser stammt aus Grundwasser und Uferfiltrat, also Wasser, das aus Flüssen und Seen durch den Boden sickert und dabei natürlich gereinigt wird. Es wird im Wasserwerk aufbereitet, kommt aber ohne Chlorzusatz aus. Madrid setzt dagegen bei der Desinfektion unter anderem Chlorverbindungen ein. Solche Unterschiede machen deutlich, wie viel hinter unserer alltäglichen Wasserversorgung steckt.
Das ist nicht nur ein Auftrag an die Wissenschaft, sondern an uns alle. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und fragen, was wir selbst tun können. Für die Spree engagiert sich beispielsweise die Initiative „Rights of the Spree“. Auch ich möchte mich dort einbringen.
Bei „Confluence“ an der Floating University hast du dich auch mit der Frage beschäftigt, wie Gewässer eine Stimme bekommen können. Was interessiert dich daran?
Dort habe ich den Begriff „Waterbody“ kennengelernt: Gewässer wurden durch Menschen vertreten, die aus verschiedenen Ländern angereist waren. Ich habe mit der italienischen Campaignerin Roberta Bosu gesprochen, die die Antarktis repräsentierte. Dabei geht es darum, über unsere menschliche Perspektive hinauszudenken und den Gewässern eine Stimme zu geben.
In Spanien wurden der Lagune Mar Menor und ihrem Einzugsgebiet 2022 Rechtspersönlichkeit und eigene Rechte zuerkannt. Das geht über herkömmlichen Naturschutz hinaus: Ein Ökosystem wird selbst zum Rechtssubjekt. Unternehmen können juristische Personen sein – warum sollten wir nicht auch Gewässern eigene Rechte zugestehen? Solche Ansätze finde ich sehr spannend.
Wenn du der Antarktis zum Abschluss das Wort geben könntest: Was würde sie sagen?
Das ist eine spannende Frage, weil sie uns auffordert, nicht nur aus einem menschzentrierten Denken heraus zu schauen, zu handeln und zu urteilen, sondern uns in Gewässer hineinzuversetzen. Ich weiß nicht, ob ich die Frage schon beantworten kann, aber ich möchte ihr nachgehen.
Die Antarktis hat keine eigene Stimme, die wir hören könnten. Sie braucht unsere Stimmen. Auch die Flüsse brauchen uns, damit wir uns für sie einsetzen.
Noch ist vieles intakt, noch ist dieser Reichtum da. Und manche glauben, reich zu werden, indem sie genau diesen Reichtum zerstören.
Link zum Webauftritt von Perola Filmes und dem dazugehörigen YouTube-Kanal.