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Ein eingelegter Schiffsbohrwurm in einer durchsichtigen kleinen Flasche mit Etikett vor einem weißen Hintergrund

© Foto: Philipp Plum

Bastian Herbst und der Schiffsbohrwurm

Aus der Reihe: „Objektgeschichten: Das Team stellt sich vor“

 

„Wie mächtig die Kleinsten sein können, zeigt sich für mich beeindruckend am Schiffsbohrwurm“, erklärt Bastian Herbst, Kurator für Outreach am Humboldt Labor. In der Ausstellung „On Water. WasserWissen in Berlin“ werden die überraschenden Kräfte und kolonialen Verstrickungen von Teredo navalis – so sein lateinischer Name – gleich an zwei Objekten spürbar: an einem historischen Nasspräparat und einem wurmstichigen Holzstück.

Der Schiffsbohrwurm ist seinem Namen zum Trotz kein Wurm, sondern eine Muschel. Die bis zu 50 Zentimeter langen Tiere gelten seit der Antike als Gefahr für Schiffe und Hafenanlagen. Sie bohren sich mit ihren Schalen durch das Holz und machten selbst vor den Isolierschichten der ersten Unterseekabel keinen Halt. Einer Theorie zufolge verbreitete sich Teredo navalis an den Rümpfen niederländischer Kolonialschiffe, die aus Indonesien zurückkehrten, über die Weltmeere. So könnte ausgerechnet die koloniale Schifffahrt zur Verbreitung einer Art beigetragen haben, die ihre eigenen Infrastrukturen bedrohte. Auch deutsche Kolonialbeamte suchten daher nach Möglichkeiten die Muschel zu bekämpfen. Der Wasserbauingenieur Ernst August Troschel etwa untersuchte als Marinehafenbaumeister der deutschen Kolonie Tsingtau (heutiges China) den Befall und dokumentierte seine Forschungsergebnisse im „Handbuch der Holzkonservierung“. Ein von ihm untersuchtes Exemplar des Schiffsbohrwurms befindet sich heute in der Molluskensammlung des Museums für Naturkunde Berlin. Bastian Herbst hat das Exemplar dort für die Ausstellung „On Water“ gemeinsam mit dem Sammlungsleiter wiederentdeckt. In diesem unscheinbaren Nasspräparat verdichtet sich für ihn diese bewegte Geschichte:

„Mit seinem Appetit auf alles Organische wurde die winzige Muschel zum Schrecken der Seefahrer, zerfraß die ersten Unterseekabel und beschädigte maritime Infrastrukturen zur Beunruhigung der europäischen Kolonialherren.“

Ein Stück kolonialer Infrastruktur: Das von Schiffsbohrwürmern durchlöcherte Holz stammt von der ehemaligen Landungsbrücke in Lüderitz, Namibia.

Besonders eindrücklich wird die koloniale Dimension auch anhand des zweiten Ausstellungsobjekts aus der Sammlung: Das wurmstichige Holzstück war einst Teil der ehemaligen Landungsbrücke in Lüderitz, Namibia, und gehörte damit zur kolonialen Infrastruktur, über die deutsche „Schutztruppen“ anlandeten und Rohstoffe abtransportiert wurden. Als die Brücke 1906 saniert werden musste, zwangen deutsche Kolonialbeamte internierte Herero und Nama aus dem Konzentrationslager Shark Island zu den Arbeiten. Ursache für die Schäden waren auch hier die Schiffsbohrwürmer, deren subversives Treiben die Kolonialbeamten in sogenannten Bohrwurmtagebüchern dokumentierten.

Für den Kurator für Outreach stellt sich damit auch die Frage, inwiefern das Wirken dieser Kleinstlebewesen als eine Form antikolonialen Widerstands gelesen werden kann. Zugleich laufen in den beiden Objekten zahlreiche Themen der Ausstellung zusammen: von kolonialer Gewalt, Migration und mehr-als-menschlichen Lebensformen bis zu den globalen Infrastrukturen der Gegenwart.

Bastian Herbst

Bastian Herbst ist seit November 2021 als Kurator für Outreach am Humboldt Labor tätig. Hier verantwortet er die Entwicklung kultureller Bildungsangebote und neuer Bildungskooperationen. Besonders wichtig ist ihm dabei, das Humboldt Labor als Ort des Austauschs zwischen Wissenschaft und einer vielfältigen Öffentlichkeit über die Universität hinaus weiterzuentwickeln. Seine Schwerpunkte liegen in der interkulturellen, partizipativen und inklusiven Museumsarbeit sowie in der digitalen Vermittlung.