Aus der Reihe: „Objektgeschichten: Das Team stellt sich vor“
„Wie mächtig die Kleinsten sein können, zeigt sich für mich beeindruckend am Schiffsbohrwurm“, erklärt Bastian Herbst, Kurator für Outreach am Humboldt Labor. In der Ausstellung „On Water. WasserWissen in Berlin“ werden die überraschenden Kräfte und kolonialen Verstrickungen von Teredo navalis – so sein lateinischer Name – gleich an zwei Objekten spürbar: an einem historischen Nasspräparat und einem wurmstichigen Holzstück.
Der Schiffsbohrwurm ist seinem Namen zum Trotz kein Wurm, sondern eine Muschel. Die bis zu 50 Zentimeter langen Tiere gelten seit der Antike als Gefahr für Schiffe und Hafenanlagen. Sie bohren sich mit ihren Schalen durch das Holz und machten selbst vor den Isolierschichten der ersten Unterseekabel keinen Halt. Einer Theorie zufolge verbreitete sich Teredo navalis an den Rümpfen niederländischer Kolonialschiffe, die aus Indonesien zurückkehrten, über die Weltmeere. So könnte ausgerechnet die koloniale Schifffahrt zur Verbreitung einer Art beigetragen haben, die ihre eigenen Infrastrukturen bedrohte. Auch deutsche Kolonialbeamte suchten daher nach Möglichkeiten die Muschel zu bekämpfen. Der Wasserbauingenieur Ernst August Troschel etwa untersuchte als Marinehafenbaumeister der deutschen Kolonie Tsingtau (heutiges China) den Befall und dokumentierte seine Forschungsergebnisse im „Handbuch der Holzkonservierung“. Ein von ihm untersuchtes Exemplar des Schiffsbohrwurms befindet sich heute in der Molluskensammlung des Museums für Naturkunde Berlin. Bastian Herbst hat das Exemplar dort für die Ausstellung „On Water“ gemeinsam mit dem Sammlungsleiter wiederentdeckt. In diesem unscheinbaren Nasspräparat verdichtet sich für ihn diese bewegte Geschichte:
„Mit seinem Appetit auf alles Organische wurde die winzige Muschel zum Schrecken der Seefahrer, zerfraß die ersten Unterseekabel und beschädigte maritime Infrastrukturen zur Beunruhigung der europäischen Kolonialherren.“
