16 Uhr – „Meet the Scientist“ mit Laura Lehnhoff
Den Auftakt der Reihe „Über Wasser… aus dem Meer“ macht die Meeresbiologin Laura Lehnhoff von der Freien Universität Berlin im Rahmen des beliebten Formats „Meet the Scientist“. In ihrer Forschung untersucht sie die Kalkskelette tropischer Steinkorallen, die über Generationen hinweg gewaltige Riffe bilden und zahlreichen Meerestieren als Lebensraum dienen. In ihrem Beitrag zeigt sie, wie sich aus diesen natürlichen Archiven der Meeresgeschichte Rückschlüsse auf vergangene Umweltbedingungen ziehen lassen und was sie über die Zukunft der Korallenriffe im Klimawandel verraten.
Im Vorfeld der Veranstaltung haben wir mit Laura Lehnhoff über ihre Forschung, die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Korallen und Meerwasser und die Geschichten gesprochen, die ihre Skelette über das Leben im Ozean erzählen.
Im Gespräch mit Laura Lehnhoff
I. Korallenriffe gehören zu den artenreichsten Lebensräumen unserer Erde und werden von winzigen Korallenpolypen aufgebaut. Was fasziniert Sie persönlich an diesen Lebewesen und wie sind Sie dazu gekommen, sich wissenschaftlich mit ihnen zu beschäftigen?
Mich hat schon immer alles interessiert, was mit Wasser zusammenhängt – die Lebewesen im Meer und im Süßwasser ebenso wie die Geologie, Chemie und Physik dahinter. Neben Meeresbiologie habe ich im Studium Geowissenschaften belegt und dabei einen Bereich der Geochemie entdeckt, der sich mit den Kalkstrukturen von Muscheln, Fischen und Korallen beschäftigt. Durch einen studentischen Job in der Forschung und meine Abschlussarbeit kam ich dann zu der Geochemie von Korallenskeletten. Mich fasziniert, dass diese Tiere riesige Riffe bauen und dabei in ihren Skeletten Spuren ihres Lebens und ihrer Umwelt bewahren.
II. Was können die Kalkskelette über die Lebensgeschichte einer Koralle und die Geschichte des Meerwassers verraten? Und wie lassen sich diese Informationen aus den Skeletten herauslesen?
Korallenskelette sind Archive: Bei ihrer Bildung hinterlassen die jeweiligen Lebensbedingungen Spuren in ihrer Struktur und chemischen Zusammensetzung. Auf Röntgenbildern erkennen wir jährliche Dichtebänder, ähnlich den Jahresringen eines Baumes. Chemische Analysen liefern beispielsweise Hinweise auf frühere Wassertemperaturen und andere Bedingungen während der Kalkbildung. Zusammen können diese Informationen zeigen, wann eine Koralle wie gewachsen ist und ob Umweltveränderungen ihre Skelettbildung beeinflusst haben.
III. Korallen stehen in ständigem Austausch mit dem Wasser, das sie umgibt. Welche Auswirkungen haben Veränderungen der Wasserbedingungen auf die Korallen?
Veränderungen von Temperatur, Licht, Salzgehalt oder Nährstoffversorgung können den Stoffwechsel und das Wachstum von Korallen beeinflussen. Bei anhaltender Hitze oder anderem Stress kann ihre symbiotische Partnerschaft mit winzigen Einzellern zusammenbrechen, die in ihrem Gewebe leben und sie mit Energie versorgen. Verlieren sie diese Einzeller, scheint das weiße Skelett durch: Die Koralle bleicht. Lässt der Stress nach, kann sich die Symbiose und damit die Koralle erholen. Hält er an, kann die Koralle sterben. Ozeanversauerung kann zusätzlich die Bildung des Kalkskelettes erschweren.
IV. Steigende Wassertemperaturen und die Versauerung der Ozeane bedrohen weltweit Korallenriffe. Was können wir aus Ihren Untersuchungen über ihre Anpassungsfähigkeit und ihre Zukunft lernen? Und was würde ihr fortschreitender Verlust für die marinen Ökosysteme bedeuten?
Ich untersuche, welche Spuren wiederholter Hitzestress in den Skeletten hinterlässt. Indem ich gebleichte und nicht gebleichte Korallen vergleiche, versuche ich, Signale und Hinweise auf die Gründe für die unterschiedliche Widerstandsfähigkeit zu finden. Das kann helfen, die aktuelle Widerstandsfähigkeit besser zu verstehen. Um auch die langfristige Anpassungsfähigkeit besser einzuschätzen, könnten wir nach diesen Signalen in älteren und fossilen Korallen suchen, die Hitzestress ausgesetzt waren. Mit den Riffen würden zahlreiche Tiere Nahrung, Schutz und Kinderstuben verlieren. Auch für uns Menschen stehen wichtige Grundlagen für Fischerei, Einkommen und Küstenschutz auf dem Spiel.