Bildwelten des Weltalls
Viele Bilder aus dem Weltraum wirken unmittelbar und objektiv – dabei sind sie technisch erzeugt, bearbeitet oder aus Daten zusammengesetzt. Welche Vorstellung von Objektivität entsteht dadurch?
Weltraumbilder können den Eindruck erwecken, wir sähen das Universum unmittelbar und objektiv – so, wie es tatsächlich ist. Dabei machen Teleskope, Sensoren, Spektrometer, Daten und Algorithmen Phänomene sichtbar, die unsere Augen gar nicht wahrnehmen könnten. Das macht diese Bilder nicht weniger wissenschaftlich, aber es zeigt: Objektivität ist kein voraussetzungsloser „Blick von nirgendwo“. Wissenschaftliches Sehen ist materiell, technisch und epistemisch vermittelt – und gerade deshalb müssen wir auch fragen, wie Sichtbarkeit entsteht und was unsichtbar bleibt.
Noch bevor wir außerirdisches Leben finden, haben wir längst Bilder davon im Kopf. Wie stark bestimmen solche Bilder, wonach Forschende suchen? Können Bilder unsere Vorstellung von Leben auch erweitern?
Bilder prägen, was wir uns überhaupt als Leben vorstellen können – und damit auch, wonach wir suchen. Oft übertragen wir dabei irdische Vorstellungen von Körpern, Landschaften und Bewohnbarkeit auf andere Welten. Die Erforschung von Exoplaneten zeigt aber, dass Erkenntnis nicht mit unmittelbarem Sehen beginnt: Aus Spektren und anderen Messdaten entstehen Vorstellungen möglicher Atmosphären und Biosignaturen. Solche Visualisierungen können unseren Blick öffnen – auch für die Möglichkeit, dass Leben anders beschaffen ist, als unsere vertrauten Bilder erwarten lassen.
Ihre Forschung verbindet Weltraumforschung mit Geschlechterforschung. Welche Rolle spielen Vorstellungen von Geschlecht in den Bildern und Erzählungen über außerirdisches Leben und andere Welten?
Weltraumvisionen erzählen immer auch davon, was wir unter Menschsein verstehen und welche kulturellen, religiösen und geschlechtlichen Vorstellungen wir von Zukunft haben. Historisch wurden Exploration, technische Beherrschung, Risikobereitschaft und Eroberung stark mit hegemonialer Männlichkeit verbunden. Heute begegnet uns diese Verbindung auch in technokapitalistischen Visionen einer multiplanetaren Menschheit, wie sie etwa von privaten Raumfahrtunternehmen entworfen werden. Zugleich stellt sich die Frage, welche Körper, Geschlechter, Beziehungen, Sexualitäten und Formen von Reproduktion in solchen Zukunftsbildern überhaupt vorkommen. Geschlecht reist also nicht einfach mit ins All – im Weltraum zeigt sich vielmehr, welche Vorstellungen vom Menschsein wir von der Erde in die Zukunft tragen.
Welche Bilder von Wasser im Weltraum oder von außerirdischem Leben sind für Sie persönlich besonders prägend – und warum?
Mich faszinieren Bilder, die an die Grenzen des Sichtbaren führen: Spuren vergangenen Wassers auf dem Mars, Spektren ferner Exoplaneten oder Visualisierungen des unsichtbaren Universums. Sie führen uns zu einer Wirklichkeit, die weit über das hinausreicht, was unsere Augen unmittelbar wahrnehmen können. Besonders bewegt mich der Gedanke, dass sich das Universum selbst immer weiter ausdehnt. Wissenschaft macht etwas von dieser unermesslichen Wirklichkeit durch Apparaturen, Daten und Modelle wahrnehmbar. Vielleicht liegt gerade darin die Schönheit dieser Bilder: Sie zeigen nicht nur den Kosmos, sondern auch die Grenzen unseres eigenen Blicks – und öffnen ihn zugleich. Was werden wir noch als Leben erkennen lernen, wenn wir bereit sind, anders zu sehen?