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Fotografie Earthset Mondorbit

© NASA. Gemeinfrei. https://images.nasa.gov/details/art002e009288. Letzter Zugriff: 6. Juni 2026.

Im Austausch: Stimmen zu „On Water“ Prof. Dr. Ulrike Ernst-Auga

Wasserwelten und Weltraum

Bei der Suche nach außerirdischem Leben gilt Wasser als zentrales Element. Warum setzen wir Wasser eigentlich so selbstverständlich mit Leben in Verbindung – und was verrät das über unser eigenes Verständnis von Leben?

Wir kennen bislang nur Leben auf der Erde – und alles bekannte Leben ist auf Wasser angewiesen. Deshalb suchen wir auch auf anderen Himmelskörpern nach flüssigem Wasser und möglichen Spuren früherer Wasservorkommen. Doch darin liegt eine grundlegende epistemologische Grenze: Wir suchen nach unbekanntem Leben mit Kriterien, die aus der Erfahrung des irdischen Lebens stammen. Die Suche im All führt deshalb zu einer Frage zurück: Nicht nur „Wo gibt es Leben?“, sondern zunächst „Was ist Leben – und woran würden wir es erkennen, wenn es ganz anders wäre, als wir es erwarten?“

Auch auf dem Mars gab es einst große Mengen flüssigen Wassers, heute sind vor allem Eis und Spuren früherer Gewässer erhalten. Erzählt uns diese Geschichte über Wasser im All am Ende nicht auch etwas über die Fragilität der Wassersysteme auf der Erde?

Ja. Der Mars erinnert uns eindrücklich daran, dass die Bedingungen eines Planeten nicht unveränderlich sind. Wo sich heute trockene Landschaften erstrecken, finden wir Spuren einer Vergangenheit, in der flüssiges Wasser die Oberfläche geprägt hat. Der Blick auf den Mars wird damit auch zu einem Blick zurück auf die Erde: Wasser ist keine selbstverständliche und unbegrenzt verfügbare Ressource, sondern Teil empfindlicher planetarer Zusammenhänge. Die Suche nach Wasser im All kann uns deshalb neu erkennen lassen, wie kostbar und verletzlich die Bedingungen sind, die Leben auf der Erde ermöglichen.

Künstlerische Darstellung der ersten menschlichen Forschenden auf der Marsoberfläche.

© NASA/JPL-Caltech. Gemeinfrei. https://www.jpl.nasa.gov/images/pia23302-first-humans-on-mars-artists-concept/ Letzter Zugriff: 6. Juni 2026.

Erste Menschen auf dem Mars (2019). Künstlerische Darstellung der ersten menschlichen Forschenden auf der Marsoberfläche.

Dekolonisierung der Astrobiologie

Ihre Forschung verbindet unter anderem postkoloniale Perspektiven mit der Weltraumforschung. Was bedeutet es konkret, Astrobiologie zu dekolonisieren?

Astrobiologie zu dekolonisieren heißt, kritisch zu fragen, welche Vorstellungen von Entdeckung, Besitz, Expansion und Fortschritt wir von der Erde in den Weltraum übertragen. Wer darf kosmische Zukünfte entwerfen, wessen Wissen zählt und wer entscheidet, was als schützenswert gilt? Mond, Mars und mögliches außerirdisches Leben werden nicht allein dadurch zu verfügbaren Ressourcen, dass wir sie technologisch erreichen können. Dekolonisierung eröffnet deshalb die Möglichkeit, Weltraumforschung nicht als Fortsetzung von Eroberung zu denken, sondern als eine Form der Erforschung, die Wissen, Schutz und Verantwortung miteinander verbindet.

Wenn über Wasser auf Mond oder Mars gesprochen wird, tauchen schnell Begriffe wie „Ressource“, „Entdeckung“ oder „Erschließung“ auf. Müssen wir eine neue Sprache entwickeln?

Ja – oder wir müssen zumindest bewusster darüber nachdenken, welche Zukunft unsere Sprache bereits entwirft. Begriffe wie frontier, „Erschließung“, „Kolonisierung“ oder „Ressource“ tragen Vorstellungen von Expansion, Besitz und Verfügbarkeit in den Weltraum. Wir können aber auch von Bewahren, Teilen, Fürsorge, Begegnung und gemeinsamem Erforschen sprechen. Vielleicht sollten wir lernen, uns im Kosmos weniger als Erobernde und Eigentümer*innen zu verstehen, sondern als Teil einer kosmischen Wirklichkeit, die uns nicht gehört.

Infrarot-Kompositbild des Adlernebels, aufgenommen mit dem James-Webb-Weltraumteleskop.

© NASA, ESA, CSA und STScI. Gemeinfrei. https://www.nasa.gov/image-article/pillars-of-creation/ Letzter Zugriff: 10. Juli 2026.

Säulen der Schöpfung (2022). Infrarot-Kompositbild des Adlernebels, aufgenommen mit dem James-Webb-Weltraumteleskop.

Bildwelten des Weltalls

Viele Bilder aus dem Weltraum wirken unmittelbar und objektiv – dabei sind sie technisch erzeugt, bearbeitet oder aus Daten zusammengesetzt. Welche Vorstellung von Objektivität entsteht dadurch?

Weltraumbilder können den Eindruck erwecken, wir sähen das Universum unmittelbar und objektiv – so, wie es tatsächlich ist. Dabei machen Teleskope, Sensoren, Spektrometer, Daten und Algorithmen Phänomene sichtbar, die unsere Augen gar nicht wahrnehmen könnten. Das macht diese Bilder nicht weniger wissenschaftlich, aber es zeigt: Objektivität ist kein voraussetzungsloser „Blick von nirgendwo“. Wissenschaftliches Sehen ist materiell, technisch und epistemisch vermittelt – und gerade deshalb müssen wir auch fragen, wie Sichtbarkeit entsteht und was unsichtbar bleibt.

Noch bevor wir außerirdisches Leben finden, haben wir längst Bilder davon im Kopf. Wie stark bestimmen solche Bilder, wonach Forschende suchen? Können Bilder unsere Vorstellung von Leben auch erweitern?

Bilder prägen, was wir uns überhaupt als Leben vorstellen können – und damit auch, wonach wir suchen. Oft übertragen wir dabei irdische Vorstellungen von Körpern, Landschaften und Bewohnbarkeit auf andere Welten. Die Erforschung von Exoplaneten zeigt aber, dass Erkenntnis nicht mit unmittelbarem Sehen beginnt: Aus Spektren und anderen Messdaten entstehen Vorstellungen möglicher Atmosphären und Biosignaturen. Solche Visualisierungen können unseren Blick öffnen – auch für die Möglichkeit, dass Leben anders beschaffen ist, als unsere vertrauten Bilder erwarten lassen.

Ihre Forschung verbindet Weltraumforschung mit Geschlechterforschung. Welche Rolle spielen Vorstellungen von Geschlecht in den Bildern und Erzählungen über außerirdisches Leben und andere Welten?

Weltraumvisionen erzählen immer auch davon, was wir unter Menschsein verstehen und welche kulturellen, religiösen und geschlechtlichen Vorstellungen wir von Zukunft haben. Historisch wurden Exploration, technische Beherrschung, Risikobereitschaft und Eroberung stark mit hegemonialer Männlichkeit verbunden. Heute begegnet uns diese Verbindung auch in technokapitalistischen Visionen einer multiplanetaren Menschheit, wie sie etwa von privaten Raumfahrtunternehmen entworfen werden. Zugleich stellt sich die Frage, welche Körper, Geschlechter, Beziehungen, Sexualitäten und Formen von Reproduktion in solchen Zukunftsbildern überhaupt vorkommen. Geschlecht reist also nicht einfach mit ins All – im Weltraum zeigt sich vielmehr, welche Vorstellungen vom Menschsein wir von der Erde in die Zukunft tragen.

Welche Bilder von Wasser im Weltraum oder von außerirdischem Leben sind für Sie persönlich besonders prägend – und warum?

Mich faszinieren Bilder, die an die Grenzen des Sichtbaren führen: Spuren vergangenen Wassers auf dem Mars, Spektren ferner Exoplaneten oder Visualisierungen des unsichtbaren Universums. Sie führen uns zu einer Wirklichkeit, die weit über das hinausreicht, was unsere Augen unmittelbar wahrnehmen können. Besonders bewegt mich der Gedanke, dass sich das Universum selbst immer weiter ausdehnt. Wissenschaft macht etwas von dieser unermesslichen Wirklichkeit durch Apparaturen, Daten und Modelle wahrnehmbar. Vielleicht liegt gerade darin die Schönheit dieser Bilder: Sie zeigen nicht nur den Kosmos, sondern auch die Grenzen unseres eigenen Blicks – und öffnen ihn zugleich. Was werden wir noch als Leben erkennen lernen, wenn wir bereit sind, anders zu sehen?

Fotografie Earthset Mondorbit

© NASA. Gemeinfrei. https://images.nasa.gov/details/art002e009288. Letzter Zugriff: 6. Juni 2026.

Earthset (2026). Fotografie, aufgenommen von der Besatzung der Artemis-II-Mission am 6. April 2026 während des Mondorbits.

Prof. Dr. Ulrike Ernst-Auga

ist Kultur- und Religionswissenschaftlerin und Professorin für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie in weiteren internationalen Forschungszusammenhängen tätig. Ihre Forschung verbindet Religionswissenschaft, Geschlechterforschung und postkoloniale Epistemologien mit Fragen der Visualität, Digitalisierung und Weltraumforschung.

 

Bei der Langen Nacht der Museen ist Ulrike Ernst-Auga im Format „Meet the Scientist“ zu Gast im Humboldt Labor. Im Mittelpunkt ihres Beitrags „Wer entscheidet, was Leben ist?“ stehen Fragen nach Astrobiologie, außerirdischem Leben und den wissenschaftlichen wie kulturellen Vorstellungen, die unseren Blick auf Leben im All prägen.